Allegorie der Nordost-Passage

Allegorie Ameryka, Lviv

Obwohl ich den Großteil meines Lebens als Reiseveranstalter und dementsprechend ebenso mit Reisen in fast allen Kontinenten unseres Planeten verbracht habe, viele Schlösser, Kirchen sowie Museen besuchte und besichtigte, sind mir sogenannte Erdteil-Allegorien nicht wirklich in Erinnerung. Diese Darstellungen waren vom 16. bis ins 18.Jahrhundert weit verbreitete Bildthemen der barocken Kunst. Mitgeprägt von der Entdeckung Amerikas und einem daraus resultierenden, neuen Weltbild. Es gab sie als Kupferstich, Schnitzerei, Deckenmalerei oder Skulptur, man fand sie in Palästen und Dorfkirchen. Irgendwie haben mich die Opulenz des Barocks und damit auch die Kontinent-Verbildlichungen nie so richtig erreicht. Somit konnte ich gar nicht auf die Idee einer Allegorie der Nordost-Passage kommen.

Dann besuchte ich erstmals meine spätere Lieblingslöwenstadt. Also nicht das ferne, fernöstliche Singapur, sondern die nahe westukrainische Stadt Lviv. Sie heißt bei den Polen und Russen Lwow, war von 1772 bis zum Ende des 2.Weltkriegs als Lemberg oder Löwenberg Zentrum des Fernen Ostens des Habsburgerreiches. Neben Renaissance und Jugendstil musste ich fast zwangsläufig auf überladenen Barock treffen. Schon beim ersten Frühstück im Dachrestaurant des Hotels Panorama schauten mir das Lemberger Opernhaus und barocke Kirchtürme quasi in den unmonarchisch-wässrigen Kaffee (obwohl Lviv im Grunde genommen eine tolle Kaffeehaustradition hat). Wenig später sahen wir die frühbarocke Jesuitenkirche und besichtigten anschließend das spätbarocke Innere der Maria Himmelfahrt-Kirche. Sie heißt auf ukrainisch fast unkompliziert, etwas wortüberladen, „Erzkathedrale des Entschlafens der Allerheiligsten Jungfrau Maria“.

Lviv Flohmarkt
Die Himmelfahrtkirche sommerlich am Flohmarkt von Lviv
Himmelfahrtkirche
… und im Winter. Blick vom Rathausturm.

Nicht weit davon steht das alte, altehrwürdige (im Sinne von: schon bessere Zeiten und Gäste gesehen) Hotel George.1899 errichtet vom berühmten Architektenteam Fellner&Helmer, dem wir zahlreiche Theater- und Opernbauten zwischen Hamburg und Zagreb, zwischen Odessa, Kecskemet, Baden und Zürich zu verdanken haben. In Wien unter anderem beispielsweise das Konzerthaus und das Ronacher.

Hotel George in Lviv
Hotel George in Lviv

Das „George“ hat neobarocke Elemente. In Nischen der Außenfassade stehen, unübersehbar, auch für mich sichtbar, große, weiße Figuren. Sie verkörpern die damals bekannten vier Kontinente. Die sehr spärlich bekleidete „Afryka“ mit einem Krokodil; der indigene „Ameryka“, natürlich mit Federschmuck (und statt Pfeil und Bogen mit einer Armbrust bewaffnet…). Ganz unbekleidet ist „Asya“, interessanterweise mit kleinen Schwertern in den Händen (fühlt sie sich vom sehr maskulinen Ameryka bedroht?). Ebenso nackt, mir ihren hübschen allegorischen Popo zuwendend, steht schließlich „Europa“ in der letzten Mauernische. Mein spätes, erstmals bewusstes Treffen mit Erdteil-Allegorien.

Allegorie „Ameryka“
Allegorie „Ameryka“, wahrscheinlich nach Kamtschatka blickend
Allegorie Europa
Allegorie Europa

Die Königin aus Retz

Heute habe ich wieder eine Allegorie-Begegnung. Es ist Königin Europa, die mich, dieses Mal popo-los, anblickt. Von Seite 19 des heutigen Kuriers. Es ist ein Holzschnitt aus dem 16.Jahrhundert und somit die älteste Darstellung des europäischen Kontinents in Form einer Königin. Entdeckt im Weinviertel.

Europa-Allegorie
Die älteste Europa-Karte
Europa Allegorie
Europa als Allegorie                 © KURIER/Museum Retz

Königin Europa ist in ihrer Ausdehnung ziemlich habsburgisch: schließlich ist Spanien der Kopf, am rechten Busenansatz liegen die Niederlande. Das damalige Österreich unter Kaiser Ferdinand I (er war auch König von Böhmen, Ungarn und Kroatien) liegt irgendwo beim königlichen Nabel. Lemberg, damals unter polnischer Herrschaft, ist ein (unsichtbares) Wimmerl auf dem Schienbein. Das damalige Britannien liegt als schwerer Brocken auf der Schulter Europas (- eigentlich ziemlich aktuell…). Ich werde mir die royale Landkarte genauer und im Original ansehen (ab dem 18.Mai möglich; Museumsfrühling Niederösterreich, Museum Retz).

Bis zu meinem Einsatz als Passageleiter der ersten Gruppe Anfang Juli habe ich dementsprechend noch fast zwei Monate Zeit. Wird das reichen, um eine Allegorie der Nordost-Passage zu schaffen? Anregungen nehme ich gerne entgegen.